Warum braucht das Pferd seinen Atem?

Die Frage „warum braucht das Pferd seinen Atem?“ ist natürlich rein rhetorisch gemeint.

Vielleicht auch, um Sie ein bisschen zu provozieren – ganz sicher, um Sie dafür zu sensibilisieren, mehr (vielleicht das erste Mal sehr intensiv) über die Wichtigkeit des Pferdeatems nachzudenken. Aber vor allem, um sie darauf aufmerksam zu machen, wie oft wir den Atemfluss des Pferdes im Laufe eines Tages beeinflussen, ihn einschränken oder sogar vermeiden. Die Einschränkung der Sauerstoff-Aufnahmefähigkeit geschieht meist völlig unbewusst und leider auch enorm schnell – das liegt an der sonst so genialen Anpassungsfähigkeit des Pferdes.

Das Pferd braucht zum Bewegen vor allem eines – Luft!
Aber nicht etwa unbegrenzt, wie von außen zugeführter Luft z.B. durch Inhalation (Inhalationen geben zwar eine Erleichterung – sind aber nicht die Lösung der Ursache) sondern vom eigenen Körper selbst regulierte und den Bewegungssituationen extrem feinjustierende, angepasste Sauerstoffzirkulation im Körper – das nennt man dann den frei verfügbaren Atemfluss, zu dem natürlich auch die einzelnen Körperteile frei verfügbar sein müssen. Wenn nicht – nun dann wird das Pferd schnell zum unregulierten Flachatmer.

Literaturhinweise und/oder wissenschaftliche Studien dazu finden Sie wie immer am Ende des Artikels:

Bei flacher und sehr flacher Atmung, die mit einer hohen Atemfrequenz einher geht, kann es geschehen, dass die Luft nur in den oberen Atemwegen hin und her bewegt wird, ohne dass es dabei zu einem echten Austausch in der Lunge kommt. Die Atemlosigkeit des Pferdes ist dann ein Zeichen dafür, dass das Blut den Sauerstoff nicht schnell genug zu den Zellen bringen kann. Das sieht man dem Pferdekörper an – gespannte Körperpartien, gestresste Beine, hoher Muskeltonus, schlechte Hufqualität und Pakete von Ausweichsstrukturen weisen auf „Sauerstoffarmut“ im Körper hin.

Der Atemfluss hängt von dem Verhältnis ab, dass das Pferd zu seinem Körper hat

Im Detail: die Lunge muss bewegt werden, da sie keine eigene kontraktionsfähige Muskulatur besitzt. Die Atmung entsteht deshalb durch die Bewegung des Brust/Rippenkorbes – oder vielmehr die dort ansetzenden Muskeln und das Zwerchfell – das ist der große „Muskel“, der den Brustraum vom Bauchraum trennt. Die Lunge folgt dann den Bewegungen des Brustkorbs, mit dem sie so eng verbunden ist. Wenn das Pferd den Brustkorb hebt (besser gesagt, es heben kann!) und dabei das Zwerchfell kontrahiert, weitet sich das elastische Lungengewebe. Der dadurch entstehende Unterdruck in der Lunge führt dazu, dass Luft durch die oberen Atemwege strömt. Die Einatmung wird angepasst an die Bewegungsfähigkeit des Körpers (entscheidend ist die Bewegungsfähigkeit der Wirbel) vom Pferdekörper betrieben werden. Keine oder nur wenig Bewegung des Rippenkorbes = entsprechend eingeschränkte Atmung.

„Wenn man als Mensch die Atmung des Pferdes verbessern möchte (dabei ist egal ob die Atmung vorher runtergefahren war, oder ob man die „Leistungsfähigkeit“ des Pferdes erweitern möchte) muss man sich deshalb als Mensch um den „Luftzuträger“ – die Erweiterung des Rippenkorbs und die Bewegungsfähigkeit der Wirbelkette  kümmern, und nicht etwa noch die Bauchmuskulatur zu ihrer eigenen Verhärtung und Verkürzung „trainieren“ und die Unterseite verkürzen (evtl. auch mit einer Verlängerung der Oberseite). Das wäre extrem kontraproduktiv für den regulierten Atemfluss“.

Das ungestörte Einatmen

Die Luft strömt bei so einem „Einatmen“ über die Nase (das Pferd ist ein 100% iger Nasenatmer) und gelangt über die Nasenhöhlen in den Mund- und Rachenraum. Dabei wird sie durch die Schleimhäute erwärmt, angefeuchtet und wird von Verunreinigungen befreit. Die „Atmung“ ist also nicht nur das Ein- und Ausströmen von Luft in die Lunge, sondern eben auch die sichtbare Bewegung der Rippen und ihrer elastischen Zwischenräume. Wenn das Pferd seinen Rippenkorb nicht bewegen kann und der Brustkorb abgesenkt ist, werden die Organe des Pferdes mit viel zu wenig Sauerstoff versorgt. Die Verfügbarkeit der Körpermechanik und der eigen regulierte Atemfluss sind also ein unzertrennliches Team – und beide absolut notwendig für das Leben des Pferdes.

Ihre Beobachtung – ihr Verständnis

Bitte machen Sie sich diesen Vorgang selbst bewusst. Ihre eigene Erkenntnis ist dazu wichtig – und nicht nur, weil ich es behaupte. Beobachten Sie dabei ihr Pferd, ob und wenn wie viel außen am Körper des Pferdes frei für den Atemprozess verfügbar ist.

Kann es frei mit der Nase atmen? ( liegt etwas auf der Nase, oder wird sie sogar mechanisch mit dem Kiefer zugebunden?) Ist das Genick frei? Hat das Pferd seine eigene Kopfkontrolle? Kann sich der Rippenkorb über die elastischen Rippenzwischenräume erweitern, oder ist das Pferd gezwungen im Rippenfreien Bauchraum in der Nierenpartie zu pumpen? Ist der Atem flach oder tief? Kommt er an irgendeiner Stelle des Körpers nicht durch und wird blockiert? (Übrigens wäre auch da bei all diesen Faktoren kontraproduktiv Bewegungen einzustudieren oder anzutrainieren.
Gerne gebe ich Ihnen noch weitere Beobachtungs-Hinweise…

Die eigene Biomotorik – die größte Dimension des Atems für das Pferd

Auf biomotorisch übersetzt: ohne frei Verfügbarkeit des Pferdekörpers und seines Organismus gibt es auch keinen regulierten Atem. Zur Erinnerung! Die kadenzierten Bewegungen des Pferdes brauchen den absoluten feinjustierten Atemfluss des Pferdekörpers. Warum? Ganz einfach – weil sie sonst nicht entstehen können.

Wenn man…
Wenn man sich die kadenzierten Gänge des Pferdes als Ziel nimmt, bekommt man einen gesunden, Atemregulierten Pferdekörper als Draufgabe.

Wenn man…
Wenn man einen gesunden, Atemregulierten Pferdekörper als Ziel hat, bekommt man die kadenzierten Gänge des Pferdes als Draufgabe.

Wenn man…
Wenn man die Plastizität des Pferdekörpers als Ziel hat, bekommt man kadenzierte Gänge, einen gesunden, Atemregulierten Pferdekörper UND eine zufriedene, selbstbewusste Pferdepersönlichkeit mit viel Körpergefühl – das sich sehr gerne und sehr eng dem Menschen anschließt.

So einfach ist die Biomotorik erklärt!

Es gibt zwar kaum einen Pferdebesitzer – der, wenn man ihn befragen würde – seinem Pferd bewusst den Zugang zu Sauerstoff und zu der Körpereigenen Zirkulation (die eben auch die Abfallentsorgung betrifft) verwehren würde, und die Atmung des Pferdes vermeiden würde – aber genau das ist der Fall. Die überwiegende Zahl der Pferde haben sich zu sogenannten Flachatmern entwickeln müssen, weil sie aus den verschiedensten „Gründen“ nicht genug Atemluft über die Nase in den Körper bekommen können. Und es deshalb eine Nasen/Zwerchfellatmung für sie einfach nicht gibt.

EIN TEIL der Lösung liegt in den biomotorischen Übungen

Die „biomotorischen Übungen“ (die keine gymnastischen oder reiterlichen Übungen sind – sondern den Pferdekörper über seine erweiterte Körperlichkeit auf die Belastung des Reitens vorbereiten) verbinden die Bewegungen des Pferdes mit seinem Atem, sie aktivieren – über den Umweg des Körpers die Lungen, die Lungenfunktion wird dabei verbessert und damit der Herzschlag und der Blutdruck reguliert (Hormone, Stoffwechsel).

Sie können förmlich zuschauen, wie das Pferd immer tiefer und ruhiger atmet, wie es voller – aber definierter aussieht. Wie sich der Brust- und Bauchraum des Pferdes hebt und weitet und es sich mit jedem weiteren Atemzug selbst aus seiner Enge befreit. Das Pferd sieht sofort schlanker aus. Sie können dabei beobachten, wie sich das Pferd entspannt, obwohl es dynamischer wird und der Atem auch bei schnellen Bewegungen tiefer geht, und sich die Bauchatmung (im Rippenfreien Bauch) in eine Rippen/Zwerchfellatmung wandelt.

Die Entwicklungsphasen – die erste Phase

Die Entwicklung des Atems schreiben die Entwicklungsphasen des Pferdes vor. Die erste Entwicklungsphase ist geprägt von unseren Vorschlägen, damit das Pferd seine ruhige und tiefe Nasen/Zwerchfellatmung wiederfinden kann. Und ganz gleich, was die Wissenschaft noch alles positives über den Atemfluss (die Atemforschung steht erst am Anfang – obwohl sie eigentlich uralt ist) herausfinden wird, es entspannt die verspannten Kiefergelenke und befreit das Genick und entspannt dadurch den ganzen Körper. Damit machen die „biomotorischen Übungen“ das Pferd überhaupt erst bereit zum Lernen mit seinem Körper.

Die Entwicklungsphasen – die zweite Phase

Zu Beginn der zweiten Entwicklungsphase hat sich in vielen Momenten die ruhige und tiefe Nasen/Zwerchfellatmung schon in den Körper des Pferdes manifestiert. Die zweite Entwicklungsphase ist geprägt vom neugierigen Ausprobieren des Pferdes von seinen Atemdurchfluteten Bewegungen in allen möglichen und unmöglichen Situationen. Alles fühlt sich nun für das Pferd sehr besonders an. Es erlebt seinen Körper dabei ganz neu. In dieser Phase erlebt das Pferd auch die Gemeinsamkeit mit dem Menschen sehr intensiv. Während es in der ersten Phase die Vorschläge der „biomotorischen Übungen“ dankbar aufgenommen hat, wird der Mensch in der zweiten Phase zum tollen „Spielpartner“ für viele, ganz besondere Bewegungserlebnisse.

In dieser Phase kann man als Mensch, in die Bewegungsvielfalt kurz auch schon immer wieder „Lektionen“ dazuschalten, denn alles was Bewegungsvorschläge und kleine Herausforderungen sind, werden vom Pferd gerne angenommen, weil es damit seine körperlichen Grenzen austesten –  und auch mal ganz bewusst über die Grenze gehen kann. Ganz wichtig dabei! Das Pferd MUSS SEINE körperlichen Grenzen erkunden – nicht die, die der Mensch aufstellt. Deshalb braucht es das Vertrauen zum Menschen, nicht von ihm über seine Grenze gezwungen zu werden.

Die Entwicklungsphasen – die dritte Phase

Bis jetzt haben wir nur über die körperlichen Themen – über die Physis, über die natürliche, körperliche Beschaffenheit des Pferdes gesprochen. In der dritten Entwicklungsphase – der Phase der kadenzierten Gänge, wird nun so deutlich sichtbar, dass sich Körper (Physis) und Geist (Psyche) des Pferdes nicht trennen lassen, sondern dass sie sich gegenseitig beeinflussen.

In der dritten Phase ruht das Pferd sichtbar in sich. Die Zeit des neugierigen Erkundens und der neuen Bewegungserfahrungen ist vorbei – das Pferd hat SEINE Bewegungen verinnerlicht und sucht immer mehr den interaktiven, körperlichen (reiterlichen) Austausch mit dem Menschen. Erkrankungen und Bewegungseinschränkungen sind schon lange Vergangenheit – der Pferdekörper ist Sauerstoffdurchflutet und bereit für – alles…

An den Bewegungen des Menschen kann das Pferd nun seine Bewegungen am besten erkennen und immer feiner austarieren. Diese dritte Entwicklungsphase ist deshalb geprägt von großer Eleganz und dynamischer Anmut – es ist die Phase der Kadenz. Die innere Einstellung des Pferdes könnte man mit „was kostet die Welt“ beschreiben. Alles scheint möglich – und gemeinsam mit dem Menschen fühlt das Pferd eine ungeahnte Stärke. Die Kraft scheint unendlich – weil sie nicht mehr aus der Kraftentwicklung der Muskeln kommt, sondern aus dem genialen Zusammenwirken des ganzen Körpers plus seines Organismus.

Das Pferd möchte sich nun zeigen – möchte bewundert werden. Man könnte sich vorstellen, dass aus diesem Wunsch eine ganz neue Art eines „Turnieres“ entsteht. Eines, FÜR DAS man nicht Bewegungen erzwingt, und trainiert – sondern WEIL sie nun da sind, sie auch zeigen und präsentieren möchte – vielleicht eine Variation eines Turnieres, das auch dem Pferd gefällt.

Der ZWEITE TEIL der Lösung – IHRE Begleitung

Die „biomotorischen Übungen“ können viel im Pferdekörper vollbringen, aber ohne IHRE Empfindsamkeit, ihre Bewegungsfähigkeit und ohne die Verfügbarkeit IHRES Körpers werden auch die „biomotorischen Übungen“ an Grenzen stoßen.

Die optimale Begleitung ist die Begleitung ihres Körpers und ihres Einfühlungsvermögens. Das Pferd braucht für seinen Atemfluss einen Spiegel, einen gesetzten Rahmen, einen Austausch, einen Interaktionspartner, eine Bestätigung – oder was auch immer…
Aber eines braucht das Pferd ganz, ganz sicher – es braucht den menschlichen „Partner“, um die Freude über seinen Körper teilen zu können.

Die biomotorischen Übungen können und sollen Sie selbst mit ihrem Pferd machen. Die Einzel-Updates – die ich gebe – unterstützen Sie in ihrem Tun und öffnet Türen für neue Perspektiven. Ein Training für Sie persönlich, natürlich auch auf Grundlage der Nasenatmung gibt es aber auch – ich werde berichten….

Literaturvorschläge zur Nasen/Zwerchfellatmung (für den Menschen):

  • Angst, Stress und Panik wegatmen von Patrick McKeown (DER Nasenatmungspapst)

·         Erfolgsfaktor Sauerstoff: Wissenschaftlich belegte Atemtechniken, um die Gesundheit zu verbessern und die sportliche Leistung zu steigern von Patrick McKeown

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